Mehr Start-up-Spirit für GroßkonzerneAuch die Großen haben klein angefangen

Wenn man heute an Start-ups denkt, kommt einem wahrscheinlich erst das Silicon Valley mit Global Playern wie Apple oder Microsoft ? die als Garagenfirmen anfingen ? in den Sinn oder auch jüngere Neugründungen wie Facebook oder Google. Dabei wird oft vergessen, dass die deutsche Industrie selbst über eine lange Start-up-Tradition verfügt ? haben doch Gründer wie Daimler und Benz vor über 130 Jahren selbst in der heimischen Garage angefangen und durch ihren Geist einer ganz neuen Branche zum Durchbruch verholfen. Damals ging der Technologietransfer noch von Europa in die USA: Diesen Trend kehrte das Silicon Valley zwischenzeitlich um. Doch deutsche Unternehmen und Verbände arbeiten daran, die Start-up-Kultur hierzulande wieder voranzubringen. Unser Schwestermagazin IT&Production hat mit Anette Bronder, Geschäftsführerin Digital Division und Telekom Security bei T-Systems, über das Potenzial der deutschen Start-ups gesprochen.

Bild: T-Systems International GmbHBild: T-Systems International GmbH

Bild: T-Systems International GmbHBild: T-Systems International GmbH
Nur zur redaktionellen Verwendung in internen Medien in direktem Zusammenhang mit der Deutschen Telekom AG Keine werbliche Nutzung Persoenlichkeitsrechte mit den Abgebildeten nicht abgeklaert Anette Bronder

INDUSTRIE 4.0-MAGAZIN: Es scheint einen regelrechten Hype um Start-ups zu geben. Was ist das Erfolgsgeheimnis junger Unternehmen bei der Entwicklung innovativer Lösungen?

Anette Bronder: Zuallererst schaffen es Start-ups deutlich schneller von der Idee zum Produkt. Den Begriff Prozessträgheit habe ich im Gespräch mit Gründern nie gehört. Höchstens bei der Gründung selbst, die wiederum gewisse bürokratische Hürden nach sich zieht. Klar ist aber: Durch ihre Agilität und Schnelligkeit sind Start-ups im Vorteil. Auch was die Risikobereitschaft angeht, mit der sie neue Ideen umsetzen. Etablierte Konzerne wiederum arbeiten nach klaren Regeln und Vorschriften. Prozesse sind dabei grundsätzlich nichts Negatives - sie werden nur zum Problem, wenn man es nicht schafft, sie dem Tempo der digitalen Welt anzupassen. Und genau darauf kommt es an. Wer digitales Terrain erobern will, muss agil sein und sich schnell den Anforderungen des Marktes anpassen können - in der Arbeitsweise, in der Denkweise und in der Umsetzung.

INDUSTRIE 4.0-MAGAZIN: Oft heißt es, andere Länder sind uns beim Thema Digitalisierung voraus. Hat Deutschland bei digitalen Technologien den Anschluss verpasst?

Bronder: Nein, im industriellen Umfeld sicher nicht. Wir haben allerdings noch viel Luft nach oben. Deutschland hat eine Top-Startposition im digitalen Rennen. Wir sind Industrienation und Exportweltmeister, wir haben das Industrie-Know-how und von der Fläche des Landes mehr Ingenieure als beispielsweise die USA. Wir haben hierzulande den Ruf, qualitativ hochwertige und revolutionäre Produkte zu entwickeln. Auf diesen Gründergeist besinnen sich deutsche Startups zunehmend. Wir tun viel, um Startups und Innovationen generell zu fördern. Beim Thema autonomes Fahren beispielsweise sind es die deutschen Autobauer, die mehr als 50 Prozent aller weltweit angemeldeten Patente halten. Aber ein Patent ist eben noch kein Produkt. Auf dem Weg zum Produkt neigen wir dazu, die Dinge zu verkomplizieren. Dasselbe gilt für Investitionen in Technologien oder in Startups. Die besten deutschen Startups sind längst vom Markt weggekauft, bevor Unternehmen hier auch nur den Wert ihrer Technologie erkennen. Etablierte Player versuchen es oft lieber selbst, brauchen aber zu lange und schon vor dem Launch ist der Wettbewerb unaufhaltbar weggaloppiert. Wenn wir uns mit den USA vergleichen: Im Silicon Valley gibt es tagtäglich zig neue Unternehmensstarts, dort ist aber auch eine Kultur des Scheiterns und Scheitern-Dürfens verbreitet. Das ist in unserer Gesellschaft weniger ausgeprägt.

INDUSTRIE 4.0-MAGAZIN: Warum arbeiten Sie verstärkt mit Startups zusammen - schließlich hat T-Systems doch alles an Bord, um selbst neue Technologien zu entwickeln?

Bronder: Wir haben uns vor einigen Jahren entschlossen, nicht mehr mit viel Invest und Zeitaufwand Lösungen zu entwickeln, die andere Unternehmen entweder schon erfolgreich auf dem Markt oder in wesentlichen Teilen einsatzbereit haben. Stattdessen setzen wir auf Partnerökosysteme mit führenden IT-Playern, kleinen oder großen. Das müssen nicht unbedingt Startups ein. Manchmal tun wir uns auch mit Kunden zusammen, um gemeinsam digitale Lösungen für spezifische Branchen und Bedarfe zu entwickeln. Jeder steuert das bei, was er am besten kann. Nehmen Sie beispielsweise IoT-Hardware, hier ist Huawei einer der führenden Anbieter und kann Produkte in einer Schnelligkeit und zu einem Preis anbieten, bei dem wir als Telekom oder T-Systems nicht mithalten könnten. Auf der anderen Seite brauchen Sie für Digitalisierung nicht nur Hard- oder Software, sondern auch leistungsfähige Netze, durchgängige Sicherheitslösungen und skalierbare, sichere Cloud-Plattformen. Das wiederum bringen wir mit. Startups sind für uns besonders attraktive Partner, weil sie zum einen schon einen Fuß im Markt haben, wenn wir 'Großen' noch Konzepte durch den Einkauf oder Rechtsbereich schleusen. Zum anderen haben sie oft dedizierte Branchenexpertise - das sogenannte vertikale Know-how, das uns IT-Anbietern oft fehlt.

INDUSTRIE 4.0-MAGAZIN: Was haben die jungen Unternehmen von Ihrem Einstieg?

Bronder: Zunächst einmal finanzielle Rückendeckung. Wenn es darum geht, neue digitale Märkte zu erschließen, braucht man oft einen langen Atem - nicht alles, was heute technologisch machbar ist, findet auch unmittelbar Anklang am Markt. Startups sind hier wie Speedboote: Sie sind wendig und schnell am Ziel, haben aber nicht das Durchhaltevermögen eines Tankers. Sie sind auf Investoren angewiesen. Speedboote erwischt es außerdem leichter, wenn die See mal rau wird. Hier hilft es, einen Experten mit jahrelanger Markterfahrung an der Seite zu haben, der erste Zeichen für ein Unwetter sofort erkennt. Unsere Mentoren haben bereits zig Produkte gelauncht, umfangreiche Markterfahrung und können Startups vor vielen Stolperfallen bewahren. Mit unserem Inkubator Hub:raum stellen wir jungen Gründern Co-Working-Räume etwa in Berlin, Tel Aviv oder Krakau zur Verfügung. Dem Thema Partnering widmet sich in unserer Innovationseinheit ein dedizierter Bereich. Außerdem bieten wir Zugang zu unserem weltweiten Partnerökosystem, zu einer breiten Kundenbasis und nicht zuletzt zu unserer globalen Cloud-Infrastruktur.

INDUSTRIE 4.0-MAGAZIN: Wie werden Sie auf die Firmen aufmerksam?

Bronder: Gründer können sich mit ihrer Business-Idee einfach unter www.hubraum.com für eines unserer Programme bewerben oder sich auf einer unserer Startup Nights präsentieren. Unabhängig davon halten wir stets die Augen offen nach interessanten Kooperationspartnern. Ich war z.B. erst kürzlich in Tel Aviv und habe mir in unserem lokalen Hub:raum 19 Startups aus Israel angeschaut - von insgesamt 6.000, die es in diesem vergleichsweise kleinen Land gibt, gerade mal so groß wie Hessen. Ein beeindruckender Gründergeist.

INDUSTRIE 4.0-MAGAZIN: In welchen Bereichen suchen Sie die Zusammenarbeit?

Bronder: Unterschiedlich. Von der intelligenten Logistik über Automotive-Lösungen und -Plattformen bis hin zu Cloud- oder IoT-Anwendungen.

INDUSTRIE 4.0-MAGAZIN:

Inwieweit gleicht die Investition in ein IoT-Startup einem Glücksspiel?

Bronder: Bevor wir in Startups oder in Kooperationen investieren, prüfen wir sehr genau, welche Erfolgsaussichten ein Business-Modell hat. Am wichtigsten ist die Frage nach der Skalierbarkeit. Nur wenn ein Startup hier Potenzial mitbringt, gehen wir eine Partnerschaft ein. Ein wenig anders ist das in unserem Inkubator, wo wir weltweit junge Gründer von der Pike auf fördern und begleiten.

INDUSTRIE 4.0-MAGAZIN: Startup mit Großkonzern, das klingt ein wenig wie der Elefant, der mit der Maus zusammenlebt. Besteht nicht die Gefahr, dass Sie die Jungunternehmer aus Versehen mit ihren Prozessen erdrücken?

Bronder: Zweifelsohne prallen hier Welten aufeinander. Konzerne dürfen nicht den Fehler machen, Startups zur Begrüßung mit einer Prozesslawine zu überrollen - denn das bedroht den Kern ihres Geschäftsmodells. Gründer sind erfolgreich, weil sie kreative Denker oder Tüftler sind. Immer auf der Suche, offen für Neues und durchaus bereit, mit dem bisher Erreichten zu brechen und schnell umzuschwenken. Freigeister darf man nicht in Ketten legen, damit ist keinem geholfen. Andererseits sind Startups teilweise übermütig und zu risikofreudig - sie haben schließlich weniger zu verlieren als ein Großkonzern. Die Zusammenarbeit klappt nur, wenn man anpassungsfähig ist, sich gegenseitig Freiheiten lässt und aufeinander eingeht.

Haben Sie ein Beispiel?

Bronder: Nehmen Sie unseren Partner Roambee, ein Startup aus dem Silicon Valley für smarte Logistik. Das Unternehmen bietet ein Tracking-System, nicht größer als ein iPhone 7, das den Zustand von Waren und Gütern auf weltweiten Transportwegen über ein Webportal transparent macht. Im Backend braucht es dazu eine sichere, skalierbare und hoch verfügbare Cloud sowie Konnektivität. Genau hier kommen wir ins Spiel: Roambee steuert seine ausgereifte Soft- und Hardware mit entsprechenden Sensoren bei. Wir setzen unsere skalierbare Cloud-Plattform darunter und haben die Integrations-Expertise. Für beide Seiten ein Gewinn.

INDUSTRIE 4.0-MAGAZIN: Siemens bedauert mittlerweile auf großer Bühne, die jungen Gründer von Cisco seinerzeit vom Hof geschickt zu haben. Welche historische Chance hat T-Systems verpasst?

Bronder: T-Systems hat lange auf das klassische Outsourcing-Geschäft gesetzt - auf Verträge, die teilweise bis zu zehn Jahre Laufzeit hatten. Wo sich aber, vor allem in den letzten fünf Jahren, sowohl der Markt als auch das Umfeld so radikal verändert haben, dass dem vertraglich vereinbarten Geschäft quasi zwischendurch der Boden unter den Füßen weggebröckelt ist. Der Schwenk von der Private zur Public Cloud hat beispielsweise einen umfassenden Strategiewechsel herbeigeführt. Inzwischen haben wir unsere eigene Public Cloud gelauncht und ein Cloud-Partner-Ökosystem mit mehr als 150 Partnern und unabhängigen Software-Anbietern aufgebaut. Ich würde nicht sagen, dass wir eine historische Chance verpasst haben, aber unsere Lernkurve war steil. Und wir betreten weiterhin Neuland, z.B. mit neuen Geschäftsfeldern wie Connected Mobility oder Digital Health. Das sind Test- und Lernfelder. Um hier erfolgreich zu sein, müssen Großkonzerne mehr Startup-Spirit tanken.

Zu guter Letzt: Was ist Ihrer Meinung nach derzeit das heißeste Startup?

Bronder: Es gibt zu viele gute Geschäftsideen und Gründer auf der Welt, um sich hier festzulegen. Besonders spannend sind zurzeit Themen wie Künstliche Intelligenz, Virtual Reality, Digital

Health und Connected Mobility. Neue Technologien werden schon bald die Medizinforschung, Gesundheitsversorgung und auch unsere Mobilität revolutionieren. Die Digitalisierung wird uns mehr Zeit und Lebensqualität schenken. In Zukunft meldet sich der Arzt bei uns, wenn es gilt, Auffälligkeiten zu kontrollieren. Für Diabetiker beispielsweise gibt es bereits Lösungen, bei denen Nanosensoren unmittelbar unter die Hautoberfläche implantiert werden, die Blutwerte überwachen und an eine sichere Cloud-Plattform übertragen - nur einsehbar für den behandelnden Arzt. Künstliche Intelligenz wird wiederum einen entscheidenden Beitrag leisten, um aus den Unmengen von Daten die wichtigsten Muster und Informationen herauszufiltern und Reaktionen einzuleiten - ob im Gesundheitswesen, in der Industrie oder beim Thema Mobilität. Ein großes Thema bei Startups und auch bei Technologiekonzernen, die enorm in die Forschung und Entwicklung von KI-Lösungen investieren. Code is King, und wer den richtigen entwickelt, gewinnt. t-systems.de/ppr

T-Systems International GmbH

Dieser Artikel erschien in Industrie 4.0 - 21 2017 - 02.11.17.
Für weitere Artikel besuchen Sie www.i40-magazin.de