Mit Agentic AI zur Software Defined Industry
Vom Automatisieren zum Agieren
Der ZVEI-Fachverband Automation hat mit dem Whitepaper 'Mit Agentic AI zur Software Defined Industry' einen Leitfaden für die kommende industrielle Transformation veröffentlicht. Das Papier erklärt, warum Software Defined Industry (SDI) und agentenbasierte KI zukünftig eine Schlüsselrolle für wettbewerbsfähige Produktionsprozesse inne haben. Das SPS-MAGAZIN sprach mit Dr. Hans Krattenmacher, Vorstandsmitglied im ZVEI-Fachverband Automation und Geschäftsführer Innovation Mechatronik der SEW-Eurodrive, was dies bedeutet.
Bild: ZVEI e.V.In einer ZVEI-Umfrage im vergangenen Herbst hat ein Fünftel der Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe angegeben, dass sie Industrial AI bereits produktiv in ihrer Wertschöpfung einsetzen. Waren Sie überrascht?
Nein, das war nicht überraschend. Wir sehen auch in der Praxis, dass KI-Lösungen stark nachgefragt sind und die Diskussionen dominieren. Industrial AI ist seit 2025 kein Randthema mehr. Und dieser Schritt ist auch notwendig. Denn wir erleben gerade einen Paradigmenwechsel in der Automatisierung, bei dem Software und die smarte Steuerung von Prozessen zum wichtigsten Effizienzhebel werden.
Auch unsere Diskussionen im ZVEI zeigen, dass immer mehr Player in der Industrie KI bereits produktiv einsetzen, direkt im Werk. Und diejenigen berichten sehr konkret von Effekten: stabilere Prozesse, weniger Ausschuss, schnellere Anpassung an neue Varianten. Deshalb hat mich auch nicht überrascht, dass die Unternehmen massive Investitionen in industrielle KI-Lösungen planen. Wenn jedes vierte dieser Unternehmen mehr als 20 Prozent seiner Gesamtinvestitionen dafür aufwendet, verändert das für den Standort Deutschland im globalen Wettbewerb die strategische Perspektive.
Sie spielen auf ein ZVEI-Whitepaper an, das Sie 'Vom Automatisieren zum Agieren' genannt haben. Wird sich die Automation so grundlegend verändern, dass man von einem Paradigmenwechsel sprechen kann?
Ja, davon bin ich fest überzeugt. Aber nicht im Sinne eines radikalen Bruchs, sondern im Sinne einer neuen Evolutionsstufe. Die klassische Automation folgt einer klaren Logik: Ein Prozess wird definiert, programmiert und dann möglichst stabil abgearbeitet. Das hat uns enorme Produktivität gebracht. Aber diese Logik stößt an Grenzen, wenn Variantenvielfalt, Lieferkettenstörungen oder Fachkräftemangel zunehmen.
Was jetzt entsteht, ist etwas anderes: In der Software Defined Industry, wie wir es nennen, führen Produktionssysteme nicht nur Befehle aus, sondern reagieren situativ. Sie erfassen ihre Umgebung, erkennen Abweichungen und schlagen innerhalb definierter Leitplanken eigenständig Lösungen vor. Man könnte es auch so sagen: Bisher haben wir Maschinen gesagt, was sie tun sollen. Künftig beschreiben wir stärker, welches Ziel erreicht werden soll, und das System organisiert den Weg dorthin selbst.
Bild: ZVEI e.V.Was dabei strukturell geschieht, haben wir in dem Whitepaper beschrieben. Die Trennung von Hardware und Steuerungslogik wird konsequenter. Funktionen werden softwarebasiert orchestriert, Maschinenfähigkeiten als standardisierte Skills beschrieben, digitale Zwillinge bilden den gesamten Lebenszyklus ab. Dadurch wird die Fabrik wandlungsfähig. Nicht durch Umbau, sondern durch Software. Ist das ein Paradigmenwechsel? Ich würde sagen ja, weil sich die Rolle der Automation verschiebt. Sie ist nicht mehr nur Effizienzmaschine im Shopfloor, sondern Entscheidungsunterstützer in vernetzten Prozessen. Man muss aber die Kirche auch im Dorf lassen. Die Mehrheit der Unternehmen ist noch nicht in der breiten Umsetzung. Wir stehen nicht am Ende einer Entwicklung, sondern am Anfang einer industriellen Evolution.
Wo steht die deutsche Industrie bei dem Thema? Und welche Grundlagen fehlen noch, damit Industrial AI erfolgreich sein kann?
Technologisch ist die Industrie weiter als mancher denkt. Die Bausteine der Software Defined Industry sind da: digitale Zwillinge, standardisierte Schnittstellen, leistungsfähige Edge- und Cloud-Infrastrukturen. Die erste Phase von Industrie 4.0 hat das Fundament gelegt. Aber jetzt beginnt eine neue Stufe. Aus meiner Sicht fehlen noch drei Dinge:
- • durchgängige Datenfähigkeit: KI ist nur so gut, wie die Daten, die sie bekommt. Viele Unternehmen haben Datensilos, die zwischen IT und OT nicht durchlässig sind. Der wichtigste technische Schritt, um das zu überwinden, sind einheitliche Datenstandards und -modelle, wie sie die Asset Administration Shell (IEC-Standard 63278) schafft.
- • Organisationsreife: Die Technik ist oft weiter als die Prozesse und Abläufe in den Unternehmen. Agentenbasierte Systeme brauchen neue Governance-Modelle, klare Verantwortlichkeiten und DevOps-Ansätze.
- • Mut zur schrittweisen Transformation: Niemand muss seine Fabrik über Nacht umbauen. Aber hybride Modelle - klassische SPS kombiniert mit KI-Logik - müssen jetzt konsequent erprobt werden. Anders formuliert: Die Hardware steht. Jetzt muss die Software die Führung übernehmen.
In besagter ZVEI-Umfrage sahen sich die Unternehmen durch die KI-Regulierung in der EU ausgebremst. Haben wir überhaupt die richtigen Rahmenbedingungen für eine Software Defined Industry?
Die Stimmung bei der KI-Regulierung ist durchaus angespannt, wenn 42 Prozent der Unternehmen sagen: Wir werden eher außerhalb Europas investieren als hier. Ich würde das Thema aber insgesamt differenziert betrachten. Die Unternehmen unterstützen das Ziel verantwortungsvoller KI. Was sie jedoch kritisch sehen, ist die wachsende regulatorische Komplexität. Wenn KI-Vorgaben, Maschinenverordnung, Cyber-Regulierung und Datenrecht nicht sauber aufeinander abgestimmt sind, entsteht Unsicherheit. Und Verlässlichkeit hat in der Automation natürlich eine besondere Bedeutung. In der Produktion geht es um Investitionszyklen von zehn oder 15 Jahren. Wenn Unternehmen nicht wissen, welche Dokumentations- oder Zertifizierungspflichten in zwei Jahren gelten, werden sie ihre Investitionsrisiken deutlich reduzieren. Und eben weniger investieren oder, im schlimmsten Fall, gar nicht. Ich denke, Europa hat das Potenzial, Industrial AI souverän zu gestalten. Doch dafür müssen Regulierung, Energiepolitik und Standardisierung besser zusammenspielen.
Was ist konkret notwendig, damit auch eine europäische Industrial AI möglich ist?
Wir brauchen ein klares industriepolitisches Verständnis. Industrial AI ist keine App-Ökonomie. Sie ist Infrastruktur für Wertschöpfung. Ich sehe drei entscheidende Felder, auf denen wir unsere Kräfte anders bündeln müssen, wenn wir im internationalen Wettbewerb bestehen wollen:
- • offene, europäisch geprägte Standards: Wenn Maschinen über standardisierte digitale Zwillinge und klar definierte Fähigkeiten beschrieben werden, können KI-Agenten herstellerübergreifend orchestrieren. Genau darin liegt die Chance für Europa.
- • pragmatische Regulierung: Industrielle KI muss entlang realer Wertschöpfungs- und Produktionsprozesse bewertet werden. Doppelstrukturen helfen niemandem.
- • Investitionen in Compute und Energie: Wenn wir KI in der Produktion wollen, brauchen wir leistungsfähige Edge- und Rechenzentrumsstrukturen - und wettbewerbsfähige Strompreise.
Und vielleicht der wichtigste Punkt: Wir müssen die Perspektive drehen. Industrial AI ersetzt keine Industrien und keine Arbeitsplätze - sie macht die Industrie fit für das 21. Jahrhundert. Wenn Europa seine Automatisierungskompetenz, seine Domänen-Expertise und seine Qualitätsstandards mit KI verbindet, kann das eine große Erfolgsgeschichte werden.
Der ZVEI-Fachverband Automation hat mit dem Whitepaper 'Mit Agentic AI zur Software Defined Industry' einen Leitfaden für die kommende industrielle Transformation veröffentlicht. Das Papier erklärt, warum Software Defined Industry (SDI) und agentenbasierte KI zukünftig eine Schlüsselrolle für wettbewerbsfähige Produktionsprozesse inne haben. Das SPS-MAGAZIN sprach mit Dr. Hans Krattenmacher, Vorstandsmitglied im ZVEI-Fachverband Automation und Geschäftsführer Innovation Mechatronik der SEW-Eurodrive, was dies bedeutet.
Bild: ZVEI e.V.In einer ZVEI-Umfrage im vergangenen Herbst hat ein Fünftel der Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe angegeben, dass sie Industrial AI bereits produktiv in ihrer Wertschöpfung einsetzen. Waren Sie überrascht?
Nein, das war nicht überraschend. Wir sehen auch in der Praxis, dass KI-Lösungen stark nachgefragt sind und die Diskussionen dominieren. Industrial AI ist seit 2025 kein Randthema mehr. Und dieser Schritt ist auch notwendig. Denn wir erleben gerade einen Paradigmenwechsel in der Automatisierung, bei dem Software und die smarte Steuerung von Prozessen zum wichtigsten Effizienzhebel werden.
Auch unsere Diskussionen im ZVEI zeigen, dass immer mehr Player in der Industrie KI bereits produktiv einsetzen, direkt im Werk. Und diejenigen berichten sehr konkret von Effekten: stabilere Prozesse, weniger Ausschuss, schnellere Anpassung an neue Varianten. Deshalb hat mich auch nicht überrascht, dass die Unternehmen massive Investitionen in industrielle KI-Lösungen planen. Wenn jedes vierte dieser Unternehmen mehr als 20 Prozent seiner Gesamtinvestitionen dafür aufwendet, verändert das für den Standort Deutschland im globalen Wettbewerb die strategische Perspektive.
ZVEI e.V.
Dieser Artikel erschien in SPS-MAGAZIN 2 (März) 2026 - 12.03.26.Für weitere Artikel besuchen Sie www.sps-magazin.de