Vom Produktpass zum digitalen Asset
Mit dem DPP4.0 Wert aus Produktdaten schöpfen
Der digitale Produktpass wird zu oft nur als regulatorische Pflicht betrachtet. Mit dem DPP4.0 erschließen sich Unternehmen einen wichtigen Baustein der industriellen Digitalisierung und neue Möglichkeiten zur digitalen Wertschöpfung.
Bild: ZVEI e. V.Mit der Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) schafft die Europäische Union derzeit den regulatorischen Rahmen für digitale Produktpässe. Ziel ist es, strukturierte Informationen über Produkte entlang ihrer Wertschöpfungskette digital verfügbar zu machen, etwa zu Materialzusammensetzung, Reparierbarkeit, Nachhaltigkeit oder Recyclingfähigkeit. Während der Digitale Produktpass (DPP) zunächst als Instrument für Transparenz und Nachhaltigkeit gedacht ist, eröffnet er für die Industrie weit größere Chancen. Aus Sicht der Elektro- und Digitalindustrie kann der Digitale Produktpass zum Ausgangspunkt für eine neue Generation digitaler Produktinformationen werden und damit zu einem wichtigen Baustein der industriellen Digitalisierung. Hier setzt das Konzept des DPP4.0 an.
Bild: ZVEI e. V.Fragmentierte Informationen
In vielen Bereichen der Industrie werden Produktinformationen noch immer dokumentenbasiert verwaltet. Technische Datenblätter, Bedienungsanleitungen oder Prüfberichte werden typischerweise als PDF bereitgestellt und zwischen Herstellern, Integratoren und Betreibern ausgetauscht. Für Menschen sind diese Dokumente gut lesbar - für digitale Systeme sind sie nur eingeschränkt nutzbar. Informationen lassen sich nur schwer automatisiert auswerten oder in digitale Prozesse integrieren. Hinzu kommt, dass Produktinformationen häufig über verschiedene Systeme verteilt sind. Über die Lebensdauer eines Produkts hinweg entsteht so eine fragmentierte Informationslandschaft. Diese Fragmentierung erschwert nicht nur die Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette, sondern begrenzt auch die Möglichkeiten der Digitalisierung. Anwendungen wie Predictive Maintenance, digitale Zwillinge oder automatisierte Serviceprozesse benötigen strukturierte, konsistente und maschinenlesbare Informationen über Produkte und Anlagen.
Der DPP4.0 löst Datensilos auf
Der DPP4.0 verbindet regulatorische Produkttransparenz mit den Architekturprinzipien der Industrie 4.0. Im Kern basiert das Konzept auf zwei Bausteinen: einer eindeutigen digitalen Identität für Produkte und Assets, sowie einer standardisierten digitalen Repräsentation von Produktinformationen. Jedes Produkt erhält eine weltweit eindeutige Kennung, den sogenannten ID Link. Diese bleibt über den Lebenszyklus hinweg gültig und verbindet das physische Produkt mit seiner digitalen Repräsentation. In der Praxis kann diese Identität über einen QR-Code direkt am Produkt hinterlegt werden. Wird der Code gescannt, kann auf die digitalen Informationen zum Produkt zugegriffen werden. Der Code selbst enthält dabei keine sensiblen Daten, sondern dient lediglich als Schlüssel zur digitalen Informationswelt des Produkts.
Bild: ZVEI e. V.Die AAS praktisch nutzen
Der zweite Baustein des DPP4.0 ist die Asset Administration Shell (AAS). Sie beschreibt, wie Informationen über ein physisches Produkt strukturiert und standardisiert digital repräsentiert werden können. Man kann sich die Asset Administration Shell als eine Art digitalen Zwilling des Produkts auf Informationsebene vorstellen. Sie enthält strukturierte Informationen über Eigenschaften, Funktionen und den Lebenszyklus eines Produkts. Innerhalb der AAS werden Informationen in sogenannten Submodellen organisiert. Jedes Submodell beschreibt einen Aspekt des Produkts, etwa Identifikationsdaten, technische Eigenschaften, Betriebsparameter, Wartungsinformationen oder Nachhaltigkeits- und Compliance-Attribute. Diese Struktur ermöglicht es, unterschiedliche Informationsarten innerhalb eines gemeinsamen digitalen Rahmens zu verwalten.
Von Fragmentierung zu maschinenlesebaren Daten
Ein zentraler Nutzen des DPP4.0 besteht darin, dass Produktinformationen als strukturierte, maschinenlesbare Daten bereitgestellt werden. Dabei bleiben die Daten nicht statisch: Während der Digitale Produktpass vor allem Informationen über ein Produkt zum Zeitpunkt seines Inverkehrbringens beschreibt, erlaubt DPP4.0 eine Erweiterung dieser Informationen über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Er bildet die tatsächliche Nutzung und Entwicklung des Produkts ab, was gerade bei Jahrzehnte lang laufenden Anlagen wichtig ist. Ein weiterer Vorteil von DPP4.0 liegt in der Interoperabilität zwischen Unternehmen und Systemen. Industrieprodukte sind Teil komplexer Wertschöpfungsnetzwerke mit Herstellern, Anlagenbetreibern, Integratoren und Serviceunternehmen. Damit Informationen zwischen diesen Akteuren effizient ausgetauscht werden können, sind gemeinsame Standards erforderlich. Die Asset Administration Shell basiert auf internationalen Standards der Industrie 4.0 und ermöglicht es, Produktinformationen systemübergreifend zu interpretieren. Das erleichtert nicht nur die Integration von Produkten in digitale Systeme, sondern bildet auch die Grundlage für neue Formen der Zusammenarbeit in digitalen Datenökosystemen. Initiativen wie Manufacturing-X zeigen, wie Unternehmen künftig Daten sicher und souverän miteinander teilen können.
Von der Pflicht zur Kür
Der Digitale Produktpass wird häufig als regulatorische Pflicht wahrgenommen. Tatsächlich geht sein Potenzial weit darüber hinaus. In Verbindung mit dem DPP4.0 können Unternehmen regulatorische Anforderungen mit operativem Nutzen verbinden. Strukturierte digitale Produktinformationen ermöglichen effizientere Inbetriebnahmen, vereinfachten Zugriff auf technische Dokumentation, transparentere Wartungshistorien und die Integration von Komponenten in digitale Zwillinge. Wie konsequent physische Produkte für Aufgaben wie diese mit strukturierten digitalen Informationen verknüpft werden, wird in den nächsten Jahren die industrielle Transformation maßgeblich beeinflussen.
Der digitale Produktpass wird zu oft nur als regulatorische Pflicht betrachtet. Mit dem DPP4.0 erschließen sich Unternehmen einen wichtigen Baustein der industriellen Digitalisierung und neue Möglichkeiten zur digitalen Wertschöpfung.
Bild: ZVEI e. V.Mit der Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) schafft die Europäische Union derzeit den regulatorischen Rahmen für digitale Produktpässe. Ziel ist es, strukturierte Informationen über Produkte entlang ihrer Wertschöpfungskette digital verfügbar zu machen, etwa zu Materialzusammensetzung, Reparierbarkeit, Nachhaltigkeit oder Recyclingfähigkeit. Während der Digitale Produktpass (DPP) zunächst als Instrument für Transparenz und Nachhaltigkeit gedacht ist, eröffnet er für die Industrie weit größere Chancen. Aus Sicht der Elektro- und Digitalindustrie kann der Digitale Produktpass zum Ausgangspunkt für eine neue Generation digitaler Produktinformationen werden und damit zu einem wichtigen Baustein der industriellen Digitalisierung. Hier setzt das Konzept des DPP4.0 an.
ZVEI e. V.
Dieser Artikel erschien in IT&Production 3 (April) 2026 - 08.04.26.Für weitere Artikel besuchen Sie www.it-production.com