Smart Cabinet Building Expert Days 2026
"Es gibt nicht die eine Lösung"
Rund 75 Schaltschrankbauer aus dem In- und Ausland informierten sich bei den Smart Cabinet Building Expert Days vom 21. bis 23. April in Detmold über Lösungen von Weidmüller, Komax, Zuken, nVent Hoffmann und Armbruster Engineering. Auch die Redaktion SCHALTSCHRANKBAU war vor Ort und erhielt zusammen mit den Teilnehmenden Einblicke an insgesamt zwölf Stationen, wie der Wertschöpfungsprozess bei Planung und Fertigung verbessert werden kann.
Bild: Smart Cabinet Building"Es gibt nicht die eine Lösung für den Schaltschrankbau. Die Bedarfe können sich je nach Unternehmensgröße, Branche, Region oder anderen Parametern deutlich unterscheiden. Wir möchten Ihnen aufzeigen, welche unterschiedlichen Wege es gibt, um schneller, flexibler und wirtschaftlicher zu arbeiten.
Bild: TeDo Verlag GmbH
Bild: TeDo Verlag GmbHStartpunkt digitaler Zwilling
Am Anfang der Prozesskette und Ausgangspunkt aller weiteren Arbeitsschritte steht der digitale Zwilling des zu fertigenden Schaltschranks. "Die Erstellung des digitalen Zwillings ist keine Raketenwissenschaft und letztendlich sehr einfach", betont Dirk Trampert aus dem Bereich Presales bei der Firma Zuken gleich zu Beginn seiner Präsentation. "Wir benötigen den digitalen Zwilling als Datenressource für alle anderen nachgelagerten Schritte in der Wertschöpfungskette, um effizienter arbeiten zu können - egal ob manuell, teil- oder vollautomatsiert", so Trampert weiter. Erstellt werden könne das digitale Abbild sowohl von der Elektrokonstruktion als auch von der Abteilung Arbeitsvorbereitung oder Fertigung. Um die Betriebsmittelliste in ein Software-Tool wie die E3.Series importieren zu können, werden als Minimalinformationen die Betriebsmittelkennzeichnungen sowie die Artikelnummern benötigt. Zum Import der Verbindungsliste sind lediglich die Anschlusspunktbezeichnungen von Quell- und Zielpin zwingend erforderlich. Hilfreich, aber nicht unbedingt notwendig, sind laut Trampert noch Angaben zu Drahttyp, Farbe und Querschnitt. Ist der digitale Zwilling erstellt, sind beispielsweise Last-Minute-Änderungen im Projekt, wie sie im Schaltschrankbau sehr häufig vorkommen, kein Problem mehr. "Soll etwa aufgrund einer Änderung bei der Aufstellung des Schaltschranks ein Stecker für ein Aggregat von der linken in die rechte Schaltschrankwand verlagert werden, kann dies in E3 per Drag& Drop erfolgen. Die Software sorgt dabei gleichzeitig für eine automatische Kollisionskontrolle und prüft, ob der Stecker an die neue Position passt. Zudem werden die ggf. notwendigen neuen Drahtlängen automatisch ermittelt. Auch die Fertigungsunterlagen bzw. die Dokumentation, die abschließend dem Kunden ausgehändigt werden, sind immer auf dem neuesten Stand", bemerkt Trampert abschließend.
Gehäusebearbeitung stets auf hohem Qualitätsniveau
Die mechanische Gehäusebearbeitung, sofern diese automatisiert erfolgt, ist definitiv ein Arbeitsschritt, der vom digitalen Zwilling profitiert. Der klassische Weg der Bearbeitung ist gewöhnlich mindestens dreistufig: Sichtung der Materialliste, manuelles Positionieren und Anreißen sowie mechanische Bearbeitung von Hand. Bearbeitungszentren wie das ModCenter von nVent Hoffmann erledigen diese Aufgabe vollautomatisch anhand der von der E-CAD-Software übermittelten Daten. Ist die digitale Aufbauzeichnung einmal erstellt und abgespeichert, kann diese wiederholt eingesetzt werden. "Einmal erstellte Zeichnungen garantieren eine stets gleichbleibende Positionierung und dienen als Grundlage auch für Varianten ähnlicher Aufbauten. Das verkürzt nachhaltig das Erstellen neuer Zeichnungen", erläutert Hermann Nagel, Geschäftsführer Vertrieb bei nVent Hoffmann. Wichtig ist ihm dabei zu betonen, dass durch diese automatisierte Bearbeitung Fachkräfte nicht wegrationalisiert, sondern gezielter und effizienter eingesetzt werden können und Arbeitsplätze auf diese Weise erhalten bleiben.
Bild: TeDo Verlag GmbHUnterschiedliche Optionen für die Hutschienenkonfektionierung und Kennzeichnung
Für die vollautomatische Hutschienenbearbeitung, Komponentenbestückung sowie -beschriftung bietet Weidmüller Maschinen an. Hierzu gehören die vollautomatischen RailCutter, RailAssembler sowie der RailLaser, für die ebenfalls der digitale Zwilling bzw. der Weidmüller Configurator (WMC) die Datenbasis liefert. Vorteile dieser Klemmleistenbestückung: Verringerung der Ausschussware, nahezu personenloser Betrieb, intuitive Anlagenbedienung auch für ungelernte Mitarbeitende, Verringerung der Fehlerquote aufgrund digitaler Datendurchgängigkeit und damit qualitativ hochstehender Fertigungsprozess. Wer nicht auf diese höchstmögliche Ausbaustufe setzen möchte, für den bieten die Detmolder auf die jeweiligen Bedürfnisse skalierbare, teilautomatisierte Lösungen an. So gibt es für die Betriebsmittelkennzeichnung zahlreiche Drucker mit unterschiedlichen Drucktechnologien, aber auch Systeme wie das Labelling Processing Center (LPC). Ausgerichtet ist das Angebot an Kennzeichnungslösungen an den für diesen Arbeitsschritt relevanten Normen EN 60204-1, IEC 61439 und EN 31346. Ein assistiertes Bestücken von Schaltschränken gewährleistet auch das E3.PlacementCockpit von Zuken. Anhand der Daten aus dem digitalen Zwilling werden dem Mitarbeitenden sämtliche Informationen bis hin zur Bauteilposition übersichtlich dargestellt. Eine weitere mögliche Ausbaustufe hält die Initiative Smart Cabinet Building mit dem Elam-Arbeitsplatz von Armbruster Engineering bereit, der den Mitarbeitenden im Pick-to-Light-Verfahren durch den Montageprozess führt. An den Arbeitsplatz können unterschiedliche Werkzeuge und Tools zur Dokumentation angebunden werden.
Bild: TeDo Verlag GmbHKabelkonfektionierung und Verdrahtung
Auch wenn die Studie der Uni Stuttgart mittlerweile neun Jahre alt ist, so ist die Aussage, dass die Schaltschrankverdrahtung insgesamt rund 50 Prozent der Fertigung eines Schaltschranks beansprucht, immer noch einigermaßen aktuell. Daher ergibt es hier besonders viel Sinn, Lösungen in Anspruch zu nehmen, die diese Tätigkeit beschleunigen. Im Wesentlichen setzt sich die klassische Verdrahtung aus drei Arbeitsschritten zusammen: dem Lesen des Elektroschemas, der manuellen Drahtkonfektion sowie der Verlegung des Drahtes im Schaltschrank. Nach der Studie aus dem Jahr 2017 nimmt die Lektüre pro Draht durchschnittlich 67 Sekunden, die Konfektionierung 157 Sekunden und die Verlegung 42 Sekunden in Anspruch. Das Elektroschema für einen Schaltschrank umfasse durchschnittlich rund 300 Seiten, ein Schaltschrank etwa 500 Drähte. Die Firma Komax bietet Lösungen, mit denen sich der Prozess der Drahtkonfektionierung laut eigenen Angaben um rund 80 Prozent reduzieren lässt. Ein Software-Werkzeug für die Aufbereitung der Fertigungsdaten heißt Digital Lean Wiring (DLW), das es ermöglicht, alle notwendigen Daten zur automatisierten Drahtkonfektionierung zu erfassen. Eventuell fehlende Drahtlängen können durch virtuelle Verdrahtung ermittelt werden. Die zur Komax-Gruppe gehörende Firma Wustec bietet zudem die Software Wire Mind, eine Cloud-basierte Lösung zur Datenaufbereitung für Drahtsätze und -bündel. Für die eigentliche Drahtkonfektion hat Komax mit den Zeta-Modellen eine Reihe vollautomatischer Lösungen für unterschiedliche Bedarfe im Angebot. Zudem gibt es zahlreiche Geräte für die teilautomatisierte Draht- und Kabelkonfektionierung. Gleiches gilt für die Firma Weidmüller, die etwa mit dem Wire Processing Center eine modulare Lösung zur Kabelverarbeitung, aber auch diverse Automaten für die Arbeitsschritte Schneiden, Abisolieren und Crimpen bereit hält. Schaltschrankbauer, die die Kabelkonfektionierung nicht selbst erledigen möchten, können die Dienstleistungen von Wustec in Anspruch nehmen. Der oben erwähnte Zeitgewinn bei der Verlegung errechnet sich durch auf diese Weise vorgefertigte und verdrahtungsoptimierte Kabelsätze. Zudem tragen Weiterentwicklungen bei den Reihenklemmen wie die Snap-In-Technik von Weidmüller, die eine werkzeuglose Verdrahtung möglich macht, aber auch die in der Zuken-Software implementierte Funktion des E3.WiringCockpit, die den Werker durch den Prozess führt, zum Effizienzgewinn bei. Auf den einschlägigen Industriemessen wurden jüngst auch Möglichkeiten zur robotergestützten Schaltschrankverdrahtung von verschiedenen Anbietern vorgestellt, die sich allerdings im Markt noch nicht durchgesetzt haben.
Bild: TeDo Verlag GmbHTest und Inbetriebnahme
Bei der zwölften und letzten Station der Smart Cabinet Building Expert Days standen der digital geführte Test und die Inbetriebnahme von Schaltschränken im Mittelpunkt. Wiederum dient als Grundlage der zu Beginn der Wertschöpfungskette erstellte digitale Zwilling. Mit Hilfe der Software E3.TestBridge können aus einem E3-Projekt relevante Daten für Prüfsysteme exportiert werden.
Diese Schnittstelle ermöglicht somit den Prozess einer assistierten teil- bzw. vollautomatischen Prüfung. Als Testsystem kam die NT-Familie von Adaptronic zum Einsatz. Geprüft wurden u.a. die Relaiskombination, die 400V-Abgänge, die Sicherungsschütze sowie die Verbindungen. Zudem unterstützt die Software E3.WiringChecks bei der papierlosen Prüfung von Verdrahtung und Geräten im Rahmen der Qualitätssicherung. Im Falle eines Fehlers kann ein Ereignis erfasst, beschrieben und an der entsprechenden Stelle im Schaltplan platziert werden. Die Fehlerbeschreibung kann als Redliner-Text exportiert und an die Technik geschickt werden. Das Engineering erhält Zugriff auf das Fehlerprotokoll und kann die Verbindungen direkt in E3 bearbeiten.
Beratungsdienstleistungen
Für Schaltanlagenbauer, die noch unsicher sind, auf welche Weise sie Herausforderungen wie steigendem Kostendruck, kürzeren Lieferzeiten, Fachkräftemangel oder kurzfristigen Projektänderungen begegnen sollen, offeriert Weidmüller das Connectivity Consulting, bei dem die jeweilige Situation eines Kunden analysiert, ein Konzept erstellt und auf Wunsch Maßnahmen ergriffen und Lösungen implementiert werden, um die Wirtschaftlichkeit zu steigern. Welche Bausteine aus dem Smart Cabinet Building-Baukasten für einen Schaltschrankbauer infrage kommen, hängt, wie Christian Dülme in seinem Eingangsstatement hervorhebt, sehr von den individuellen Gegebenheiten eines Unternehmens ab. Der Nutzen einer Veranstaltung wie den Expert Days besteht darin, vorhandene Tools vorzustellen und aufzuzeigen, wie diese intelligent verzahnt werden können.
Rund 75 Schaltschrankbauer aus dem In- und Ausland informierten sich bei den Smart Cabinet Building Expert Days vom 21. bis 23. April in Detmold über Lösungen von Weidmüller, Komax, Zuken, nVent Hoffmann und Armbruster Engineering. Auch die Redaktion SCHALTSCHRANKBAU war vor Ort und erhielt zusammen mit den Teilnehmenden Einblicke an insgesamt zwölf Stationen, wie der Wertschöpfungsprozess bei Planung und Fertigung verbessert werden kann.
Bild: Smart Cabinet Building"Es gibt nicht die eine Lösung für den Schaltschrankbau. Die Bedarfe können sich je nach Unternehmensgröße, Branche, Region oder anderen Parametern deutlich unterscheiden. Wir möchten Ihnen aufzeigen, welche unterschiedlichen Wege es gibt, um schneller, flexibler und wirtschaftlicher zu arbeiten.
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Weidmüller GmbH & Co. KG
Dieser Artikel erschien in SCHALTSCHRANKBAU 4 (Juni) 2026 - 22.06.26.Für weitere Artikel besuchen Sie www.schaltschrankbau-magazin.de